Laubenvogel

In einer sortierten Welt zu leben, bunt sortiert wie der Nestschmuck eines erfahrenen Laubenvogels, zu wissen, die Steuererklärung suckt, aber sie ist binnen eines Tages zu erledigen und in aller Regel bekomme ich Geld dafür und nach dem Formularewälzen kann ich ins Freibad gehen. Ausreisen kann ich auch, wenn ich will, Witze machen, selbst solche, die nicht witzig sind. Aber ich höre ein hässliches, heiseres Heulen vor der Tür, will den Text eines Schriftstellerkollegen verlinken und lasse es, weil er Angst hat um sich und seine Familie. Wie oft schalt ich mich selbst als unpolitisch, wie oft sagte ich nichts, wenn ich und meine anderthalb Generationen als infantile Unfugtreiber hingestellt wurden, als Träumer, Müßiggänger, Produzenten formvollendeter Spitzfindigkeiten allenfalls, wir Smoothieschlürfer, wir Jutetaschenträger. Aber ich vergaß, dass diese Spitzfindigkeiten, diese Muße und dieser Unfug des Glückes Unterpfand sind, ein Teil der großen Freiheit, ohne Einmischung lehren, lieben, schreiben, sagen zu können, was uns bewegt, und dass diese Spitzfindigkeiten, diese Muße und dieser Unfug nur jedem an den Hals zu wünschen sind.

Fotosurrealismus

Eine Eiskugel Sprache in die aufgeweichte Waffel bugsieren. Sonntagmorgen und alles zerfließt. Zu wissen, dass eine Sucht weniger schon genügen würde. Dass Solidarität kein Ding der Unmöglichkeit ist. Der Raubvogel, die Giraffe und die Paradiesziege sehen zu, wie der Wasserstand im Atelier sinkt. Fotorealistisch formt sich die Angst, dass mein Phosphor in Flammen aufgeht.

Blattgold

Ein Fenster in diesem Haus aus Arbeit, ich sitze auf einer Bank, deren linkes und rechtes Standbein je ein Röhrenfernseher ist. Die Wand hinter mir ist mit den Seiten alter Comichefte tapeziert, hier und da hängt ein Bandplakat. Diese ganzen hippen Biolimonadenflaschen, ich kann sie nicht anschauen, ohne an meinen Protagonisten zu denken. Sonnenlicht fällt herein, steigt mir zu Kopf, als Röte in die Wangen, ich trage eins meiner liebsten Kleider und ein Fetzchen Blattgold auf dem Arm. Die Nähe der Freunde, die Euphorie gemeinsamer Pläne, wir stecken Zuckertütchen in Bärte und im Dickicht unserer Gespräche wohnt ein leises, freudiges Bald.

Pendenzenliste

An manchen Stellen ist das Türkis des Wassers unverschämt leuchtend. Weiter landeinwärts flüstern die Laternen vor sich hin, klingen nach Beduinenzelt, nach Wüstensturm. Ich erinnere mich an die Muster aus blondem und vulkanschwarzem Sand, an den Marmorkuchengrund der Atlantikinsel, träume immer noch vom Surfen. Träume aber auch von rosa Reiterhofbarbies, träume ökologische Werbespots und davon, dass ich die Chance verpasse, Donald Trump zu erwürgen. Wir blasen ihm stattdessen Konfetti ins Haar, im Internet, Lachen als Linderung.
Als der Verlagsvertrag da ist, kaufe ich vom Vorschuss erst einmal Bücher. Typisch, denke ich und tauche ab in eine Sprachorgie von Wolfgang Koeppen. Was liegen bleibt, ist nicht nur das Schreiben, auf der Pendenzenliste stehen auch Dinge wie Perücke kaufen, ein Buch erschießen und literarisch gucken lernen.