Kategorie-Archiv: Tagebuch

Nachtgeschichten

Es ist die Nacht zwischen dem vierundzwanzigsten und dem fünfundzwanzigsten Dezember. Die sozialen Netzwerke sind weihnachtlich leer, außerdem ist es spät, die meisten Feiernden sind bereits in ihre Betten gekrochen. Ich habe nicht gefeiert, bin krank. Hätte ohnehin nicht gefeiert. Habe tagsüber geschlafen, bin jetzt wach. Das Fieber klingt langsam ab, es ist vier Uhr morgens und ich bin mutterseelenallein mit einem Buch. Die Stille ist durchdringend, das Lampenlicht eine Insel, das Buch mein Messer, mein Wasser, mein schattiger Ort. Ich lese, bin ganz bei der fremden Stimme, als wäre sie ein Teil von mir, als könnte sie ein Zuhause in der Wildnis aufspannen, wo keine Menschen sind, kein einziger Freund. Dass einmal irgendwo irgendwer mit einem meiner Texte so mutterseelenallein sein könnte, lässt mich schaudern, lässt mich weiterschreiben.
Auch in der nächsten Nacht schlafe ich kaum. Die neue EP von Nine Inch Nails, Gewaltfilme, Computerspiele und Tee, jede Menge Tee. Endlich, in der dritten Nacht dämmere ich weg, tauche ab in Hypnos’ Reich. Kleine spielende Putten winken mir hinterher, sie lachen dümmlich. Ein Traum offenbart mir, dass ich ein Kunstwerk des Titels »In Schrecken gehüllte Sandwiches« herstellen werde.

Lautes und Buntes

Das Klassentreffen des Literaturbetriebs, Frankfurt und die Buchmesse, Großstadtnächte, ich schleuse mich durch Lautes und Buntes. Durch Wühlen zum Erfolg, sagt meine Lektorin. Abends gehen wir auf Partys, auf denen alle Frauen wie Ann Cotten aussehen. Die Verlegervilla ist mein Refugium, Bücher und ein Surfbrett in meinem Zimmer.
Drei Wochen später, Gentlemen’s Quarterly, das Männermagazin für Style und Anspruch ernennt mich offiziell zum Männerversteher. Ich fische unterdessen meine Stimmung aus dem Marianengraben, jage Pfeile in den Supermond. Elektronische Musik gibt Auftrieb, es ist Zeit für einen Reboot, Zeit für Widerstand. Auch hier kann ein Verbrechen geschehen, warnt auf einer Raststätte zwischen Emden und Göttingen ein blaues Schild.

Ein violetter Papst

Wir füttern Mäuse, lümmeln mit Katern im Bett, in geheimen Gärten stöhnen die Schildkröten beim Sex. Bei der Buchpremiere spreche ich über Kleinstadtleben, über Musik und Sprache, umarme alte Lehrer. Nicht genug Schlaf, nicht genug Lachsbrötchen, dafür der Bürgermeister, ein Steinway und in der ersten Reihe drei Franziskanerinnen in vollem Ornat. Der Herbst bringt weitere Lesungen, ich schnuppere Theaterluft, schnuppere auch an Moos, Minze, Melisse, an Keksen in Knopfform. Links abbeißen, rechts abbeißen, schwebende Teekessel und tanzende Goldrandtassen. Nur ein verrückter Hutmacher fehlt. Stattdessen finde ich auf einem Plakat, die Staatsgalerie stellt Francis Bacon aus, einen violetten Papst mit Maulsperre. Ich freue mich wie ein Kind und klaue ihn.

Alienschiff

Tage am Meer, Bodenhaftung gegen Weißwassergleiten eintauschen. Mit dem Wetter gehen, mit den Wellen, danach heiße Schokolade im Surfcafé. Nachts gehört Norderney den Kaninchen. Wir beobachten ein Alienschiff, kilometerbreit und rotbeleuchtet. Es muss in der Nordsee notgelandet sein, all seine Warnsysteme blinken.

Laubenvogel

In einer sortierten Welt zu leben, bunt sortiert wie der Nestschmuck eines erfahrenen Laubenvogels, zu wissen, die Steuererklärung suckt, aber sie ist binnen eines Tages zu erledigen und in aller Regel bekomme ich Geld dafür und nach dem Formularewälzen kann ich ins Freibad gehen. Ausreisen kann ich auch, wenn ich will, Witze machen, selbst solche, die nicht witzig sind. Aber ich höre ein hässliches, heiseres Heulen vor der Tür, will den Text eines Schriftstellerkollegen verlinken und lasse es, weil er Angst hat um sich und seine Familie. Wie oft schalt ich mich selbst als unpolitisch, wie oft sagte ich nichts, wenn ich und meine anderthalb Generationen als infantile Unfugtreiber hingestellt wurden, als Träumer, Müßiggänger, Produzenten formvollendeter Spitzfindigkeiten allenfalls, wir Smoothieschlürfer, wir Jutetaschenträger. Aber ich vergaß, dass diese Spitzfindigkeiten, diese Muße und dieser Unfug des Glückes Unterpfand sind, ein Teil der großen Freiheit, ohne Einmischung lehren, lieben, schreiben, sagen zu können, was uns bewegt, und dass diese Spitzfindigkeiten, diese Muße und dieser Unfug nur jedem an den Hals zu wünschen sind.