Erste Klasse

In der ersten Klasse ist es so leise, dass Du die Regentropfen auf dem Zugdach hörst. Du hast Dich hierher gesetzt, weil Dir schlecht ist. Du fühlst Dich wie ein übervolles Gefäß. Die geringste Erschütterung würde Dich zum Überlaufen bringen. Oder der falsche Geruch. Also sitzt Du in der ersten Klasse, wo es ruhig ist, keine Menschen, keine Gerüche. Und vor allem nichts zu essen. Du musst nach Hause. Es wird dunkel und Du krank. Beim Gespräch mit dem Schaffner lässt Du Dich nur vom Tonfall leiten. Und er glaubt Dir. Ach, sagt er, Sie haben den anderen Zettel auch dabei. Ja, sagst Du instinktiv und ahnungslos, von welchen Zetteln er spricht, weil Du an seiner Stimme hörst, dass er Dich in Ruhe lassen wird, wenn Du ja sagst. Er stempelt Dein falsches Ticket und statt einem Platzverweis bekommst Du ein Lächeln.
Am nächsten Tag geht es Dir besser. Aber müde bist Du. Dass der deutschen Sprache ein Wort fehlt, denkst Du, ein Wort für die angenehme Festigkeit, für diesen unverrückbaren Halt, den eine Männerbrust bietet, auf die man seinen Kopf und seine Hände legen kann.

Esspapier

Du musst in den Wald gehen. Weit weg von den Wegen der Spaziergänger. Drei Spechte werden Dich begrüßen und eine goldene Sonne. Wie scharf Umrisse sein können, zeigen Dir die Bäume. Hier wohnt die Stille, die Du lang vermisst hast.
Seit langem überrascht Dich wieder der Geschmack eines Weins. Außerdem knabberst Du an Esspapier, begeistert, wie früher. Einmal, mit acht oder neun, schriebst Du mit blauer Tinte auf die pastellfarbenen Oblaten. Nur um Worte zu essen, süß, bunt.
Schießpulverromantik, sagt einer, und dass ihm das Wort gefalle. Dir gefällt es auch. Du schreibst über Nordpolaugen und denkst an Berlin. Gödel und Einstein werden Dich über stundenlange Zugfahrten wegtrösten, gute Gesellschaft für die Bummelbahn. Alles wird gut.

Ein Sturm sein

Der Wald rauscht. Ich liebe den Wind. Es klingt als liege der Atlantik gleich hinter diesem Hügel. Und das meteorologische Tief, das mir den Atlantik hinzaubert, heißt Fee. Ich lausche andächtig. Wunderbar. Ich wollte schon immer ein Sturm sein.

Abrotten

Donnerstags, freitags. Wenn Du Dir zwölf bis vierzehn Stunden am Seminar in Stuttgart um die Ohren schlagen musst, samt einer dreistündigen Mittagspause, die Deine Kollegen zu Hause verbringen, Du jedoch irgendwo zwischen Bahnhof und Feuersee hängend, rastlos im Großstadtsumpf abrottend, weil Deine Fahrt nach Hause und zurück allein drei Stunden dauern würde, wenn Du also tageweise ohne Oase herumwanderst, zwischen Buchhandlung und Buchhandlung, zwischen Starbucks und Schuhgeschäft, mal hier Irish Coffee, mal dort Sahnetorte, passiert es einfach. Die Stadt wird Dein Wohnzimmer.
Entspannen musst Du irgendwann, also benutzt Du die Innenstadt wie ein Sofa. Deine Lounge hast Du in einem Sushiladen im ersten Stock eingerichtet. Da lässt Du auch mal Deine Habseligkeiten, Tasche, Mantel, Bücher, liegen und kommst erst nach einer halben Stunde Sumpfexkursion wieder. Maki und Nigiri warten bereits auf Dich, die kleinen Asiatinnen bringen Dir lächelnd Deinen Litschisaft und die Welt ist in Ordnung. Dein Kinderzimmer erstreckt sich über die gesamte Einkaufsmeile, hier darfst Du alles ausprobieren und anfassen, solange Du es wieder brav zurückstellst. Rolltreppefahren und Parfumtesten gehören zum üppigen Spielplatz der Eitelkeiten. Dein Badezimmer ist nur ein paar Straßen weiter, im staatlichen Seminar für irgendwas. Leider fehlt die Badewanne. Dafür enthält es eine kleine Bibliothek und einen Kaffeeautomaten. Immerhin. Jedes Badezimmer sollte eine kleine Bibliothek haben.